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Wie schwer ist Japanisch wirklich?

„Nicht reden, Suwo“, sagte er. „Heute abend wünschen denken.“ (John Blackthorne, S. 421)

 

Die gute Nachricht ist: Asiatische Sprachen sind gar nicht soo schwer.

Japanisch, Koreanisch, Chinesisch… kannst du lernen! Es geht. Es gibt genug wandelnde Vorbilder da draußen, die das bewiesen haben.

Ich, zum Beispiel, bin geradezu umzingelt von solchen Exemplaren.

In meinem Freundeskreis gibt es so viele Japanischkenner und -könner, dass ich schon überlegt habe, ihn zu wechseln. Ich brauche unbedingt mehr Freunde, die schlechter sind als ich!!

Heutzutage scheint es bei den jungen Leuten auch kaum noch Berührungsängste zu geben. Geradezu „respektlos“ schmeißen sie mit japanischen Begriffen um sich, texten sich sogar auf japanisch und wünschen sich morgens „Ohayou!“ und abends „Oyasumi!“ Und das, obwohl sie normale Schüler sind und noch nie in Japan waren. Der Austausch und die Informationsflut ist dank Internet enorm.

Sowas gab es bei uns früher nicht! Nicht bei uns!

Wir hatten noch Ehrfurcht. Unsere Quellen waren nicht das Internet oder Comics. Wir hatten andere Vorbilder.

John Blackthorne zum Beispiel. Und der hat sich noch so richtig quälen müssen. (Gleich mehr davon…^^)

Aber was nun? War die frühere Sichtweise nichts als ein furchtbares Missverständnis? Sind asiatische Sprachen also in Wirklichkeit ein Klacks?

Japanisch ist zu schwer!! Oder?

Falls dir die amerikanische Serie „Shogun“ (1980) unbekannt ist, dann kennst du wohl weder John Blackthorne (Anjin-san), noch Toranaga-sama. Und das ist schade. Dann hast du echt was verpasst.

Das bedeutet aber auch, dass du jung bist, sozusagen auf der anderen Seite der Kluft, die die alten Japan-Fans von den neuen trennt.

Die Serie basiert auf einem Roman von James Clavell, der auch durch die Werke Tai Pan, Noble House oder Gaijin bekannt sein könnte.

In Shogun blieb Blackthorne viele Jahre in Japan. Gestrandet, ohne Aussicht, in seine Heimat zurückkehren zu können. In der Serie ausdrucksvoll durch den unvergleichbaren Richard Chamberlain verkörpert, stieg Blackthorne schließlich zum Vertrauten des mächtigen Toranaga auf. Wir waren fasziniert von ihm als Fremdkörper in dieser von uns so geliebten, exotischen Welt, voller Samurai, Geishas und Ninjas.

Ich kann mich noch genau erinnern. Blackthorne schlug sich wacker. Am Anfang gab es freilich jede Menge kulturelle „Missverständnisse“. Eine Köpfung hier, ein Seppuku da, kulturelle Kollateral-Schäden blieben eben nicht aus.

Doch mit der Zeit lernte Blackthorne sich zu benehmen und sogar japanische Phrasen zielgerichtet einzusetzen. 

Wohl zahlreiche Generationen lernten mit ihm zusammen die Wörter „Hai!!“ und „Wakarimashita, Toranaga-Sama!“. 

Das wars dann aber auch schon. 

Man kann nicht gerade behaupten, dass er sein Japanisch dramatisch ausgebaut hätte und der Nachgeschmack bleibt: Japanisch ist einfach zu schwer für Ausländer!

Sicherlich hat sich im Laufe der Vor-Internet-Ära ein Mythos speziell um die japanische Sprache entwickelt, so wie allgemein um die japanische Kultur. Der Informationsaustausch war weitaus beschränkter und gute Vorbilder seltener anzutreffen.

Diese, im Vorfeld aufgebaute Hürde, musste man erstmal nehmen und das Gegenteil beweisen.

Wie gesagt, das Bild hat sich inzwischen gewandelt.

Nur scheint heutzutage paradoxerweise nicht zu wenig, sondern zu viel Information die klare Sicht zu verschleiern. Der leichte Zugang zu Japan macht Japanisch nicht automatisch leichter. Im Gegenteil: Viel Frust und Desillusionierung sind vorprogrammiert, wenn man sich nur auf YouTube verlässt, denn unterschätzen sollte man Japanisch nun wirklich nicht.

Japanisch, deine erste, echte Fremdsprache!

Es gibt da ein interessantes Phänomen in der Japanologie.

Nach vier Semestern Hardcore-Japanisch-Studium gehen viele für ein Jahr ins Land des Lächelns. Wohl gerüstet, top motiviert. Doch dann, außerhalb ihrer behaglichen Studierstube und mittendrin in der japanischen Realität, geht es ihnen wie dem Boxer im Ring.

Plötzlich geht gar nichts mehr.

Alle Vorbereitung ist plötzlich wie weggefegt, alle Sicherheit ist futsch.

Die erste Zeit kann ein echter Schock sein. Es soll sogar Studenten gegeben haben, die beim Kauf eines Tickets heulend zusammengebrochen sind, das echte Japan ist so anders als das Lehrbuch.

Klar, sie kommen darüber hinweg und sogar mit einem ordentlichen Selbstbewusstsein wieder zurück nach Deutschland. Aber oft braucht es etwas Zeit und manchmal dauert es sogar länger als gedacht, um mit Japanisch gut zurechtzukommen.

Wenn selbst gestandene Japanologen durch Phasen der Unsicherheit gehen und Japanisch sie zeitweise überfordert, dann bleibt diese Sprache zumindest eine ernsthafte Herausforderung. Das Adjektiv „leicht“ scheint auf jeden Fall nicht zu passen.

Zum Glück gibt es Hilfe.

Worauf es ankommt: Zwei Fragen

Gabriel Wyner, Autor des wundervollen Buches „Fluent Forever“, behauptet: Es gibt keine schwere Sprache!

Er muss es wissen. Als amerikanischer Opernsänger musste er sich beruflich mit diversen Sprachen auseinandersetzen. Aus der Not entwickelte er ein System und dieses half ihm, flüssig zu werden. Deutsch, Französisch, Russisch, kein Problem.

Und ich gebe ihm recht. Seine Erklärung spricht das aus, was ich schon lange beobachtet habe. Wie so oft in unserer Wahrnehmung neigen wir zum Schwarz-Weiß-Denken. Entweder ist Japanisch wie jede andere Sprache auch, oder sie gilt als komplett unmöglich. Dabei ist die Fragestellung schon mal falsch. Schwer oder einfach? Das ist nicht der Punkt!

Die erste Frage

Wyner erklärt, worauf es ankommt, um „fluency“ in einer Sprache zu erlangen und stellt die erste, entscheidende Frage:

Welche Sprachen hast du im Vorfeld bereits gelernt? Die Betonung liegt auf welche.

In Hamburg begrüßte der Professor angehende Japanologen gerne mit den Worten: „Mit Japanisch werden sie es zum ersten Mal mit einer richtigen Fremdsprache zu tun haben.“ Was er damit meinte, wurde den Frischlingen nur allzu bald klar. In den ersten Semestern Japanisch-Intensiv fand eine gnadenlose Auslese statt. Viele waren einfach nur überfordert und gaben auf. Das Tempo war hoch. Wer mit dem Stoff nicht klar kam, flog.

Es ist immer vom Vorteil, Vorkenntnisse zu haben. Je mehr Erfahrungen du mit dem Sprachenlernen hast, desto besser. Du kennst das Prozedere und kannst  dein Wissen einfach auf Japanisch übertragen, oder? Das funktioniert auch… fast.

Japanisch ist eine richtige Fremdsprache, weil sie wahrlich (noch) fremd ist. Sie gehört einer gänzlich anderen Familie an.

Das wissen wir zwar alle, aber es scheint so selbstverständlich zu sein, dass wir aus diesem Fakt nur selten echte Konsequenzen ziehen: Wer noch nie die eigene Sprachfamilie verlassen hat, hat nur wenig, womit er bei einer asiatischen Sprache neuronal andocken könnte.

Es wird Zeit, sich diesem Fakt bewusst zu stellen.

Dabei sind sich die unterschiedlichen Sprachfamilien nicht gleichermaßen fremd. Schritt für Schritt können die Sprachen in ihrer Entfernung zur eigenen eingeteilt werden. Für eine asiatische Sprache musst du deine Beine schon ordentlich ausstrecken.

Zunächst gibt es nichts, worauf du aufbauen könntest. Es gibt keine Anknüpfungspunkte. Weder grammatikalische Strukturen, noch ähnlich klingende Wörter stehen deinem vorhandenen Wissensnetz zur Verfügung. Diese neuronalen Verknüpfungen müssen gänzlich neu aufgebaut werden und das braucht … Zeit!

Die zweite Frage

Das ist die zweite wichtige Frage. Wie viel Zeit braucht eine Sprache?

Ok, die Jungen stehen nicht mehr ehrfurchtsvoll und gehemmt vor der mystischen, japanischen Sprache. Andererseits: Irgendwann merken auch sie, dass Japanisch kein einziger Spaziergang unter Kirschblüten ist. Spätestens, wenn sie tiefer einsteigen, sogar flüssig sprechen, geschweige denn das Lesen und Schreiben beherrschen wollen. Dann kann es sein, dass Japanisch plötzlich richtig, richtig schwer wird.

Obwohl, ich finde, wir sollten die Kategorie unserer Bewertungen nun endgültig wechseln. Hören wir nun auf, von leicht oder schwer zu sprechen. Lasst uns lieber davon sprechen, wie zeitintensiv eine Sprache ist.

Japanisch, eine Level-Vier-Sprache

Das Foreign Service Institute (FSI) der amerikanischen Regierung ist dazu da, ihre Diplomaten und Botschafter auf ihre Einsätze im Ausland vorzubereiten. Sprachtraining gehört natürlich dazu und natürlich zielt ihr Sprachtraining auf Effizienz und Effektivität. Diesbezüglich verfügen sie seit 1947 über einen gewaltigen Datensatz, der auch für uns äußerst interessant sein kann.

Das FSI agiert aus der Perspektive eines Englisch-Muttersprachlers. Aber vergleichbar sind folgende Erkenntnisse auch für uns Deutsche. Wichtig für das FSI und uns ist die Frage, wieviel Zeit in eine bestimmte Sprache investiert werden muss und zwar im Vergleich zur eigenen Muttersprache. Die Sprachen wurden in vier Level eingeteilt, die in ihrem Zeitaufwand aufsteigend ihrer Entfernung zur eigenen eingeteilt wurden.

Level 1: Sprachen, die eng mit dem Englischen verwand sind.

Dänisch, Holländisch, Schwedisch, Spanisch…

Level 2: Sprachen mit leichten linguistischen/kulturellen Unterschieden.

Deutsch, Indonesisch, Malaiisch…

Level 3: Sprachen mit deutlichen Unterschieden.

Russisch, Bulgarisch, Türkisch, Persisch…

Level 4: Sprachen, die außerordentlich vom Englischen abweichen

Arabisch, Japanisch, Koreanisch, Mandarin…

So, da sind wir also angelangt: Meine und wohl auch deine Zielsprachen, befinden sich in der vierten Kategorie. Super!

Was bedeutet das konkret?

Grob gesagt, um Japanisch zu beherrschen, brauchst du 2200 Unterrichtsstunden, während du für Spanisch nur ca. 600 brauchen würdest.

Das ist ein signifikanter Unterschied! Aber, auch wenn dieser etwas einschüchternd wirken mag, so ergibt sich dennoch eine wirklich schöne Erkenntnis.

Ostasiatische Sprachen sind nicht unbedingt schwerer, sie brauchen einfach länger!!

Mach dir Japanisch leichter!

Klar, die Sprachen deiner Nachbarländer lernen sich leichter. In deinem Wissensnetz sind bereits etliche Verbindungen aufgebaut. Neue Informationen lassen sich relativ leicht mit diesem Netz verknüpfen.

Für ostasiatische Sprachen hingegen fängst du quasi von null an. Wakarimashita Toranaga-Sama oder Ohayou! zählen da nicht wirklich.

Dein neuronales Netz muss erstmal grundsätzlich aufgebaut werden und Gott sei gedankt, wenn du einen sinnvollen, systematischen Aufbau hast, der dir ein stabiles Fundament gibt.

Die richtig gute Grundlage

Was macht Sinn? In der ersten Lektion das Wort „Kokuritsuhakubutsukan“ zu lernen? Ernsthaft?

Das Wort für Nationalmuseum ist nicht nur lang, die Wahrscheinlichkeit, es im Alltag zu benutzten ist viel geringer als diese 625 Wörter, die Gabriel Wyner in seinem Buch zusammengestellt und auf seiner Webseite veröffentlicht hat.

Seine Wortliste enthält nicht nur die am häufigsten benutzten Wörter in nahezu jeder Sprache, sie sind auch bildlich leicht vorstellbar, also nicht abstrakt. So effizient zu starten, das klingt doch gut, oder?

Vielleicht brauchst du so ein, zwei Monate, um sie zu lernen, aber dann hast du ein Fundament, auf dem du sehr gut stehen kannst.

Mehr sage ich über Wyners Lernmethode nicht. Das würde zu weit führen und gehört auch nicht zum Kernthema dieses Artikels. Generell empfehle ich sie aber sehr. Ich selbst habe sehr gute Erfahrungen mit ihr gemacht und würde jede neue Sprache mit seiner Systematik starten. Doch egal, auf welche Weise die Lernreise weitergeht, mit einem festen Fundament gibt es auch fest integrierte Strukturen, mit denen es leichter fällt, aufzubauen.

Es fällt dann sogar leichter, eine andere ostasiatische Sprache zu lernen. Du fängst eben nicht wieder bei Null an, wenn du nach Japanisch mit Koreanisch startest. Plötzlich tun sich Querverbindungen auf. Jetzt merkst du, wie verbunden der asiatische Raum sprachlich ist.

Guck mal hier:

Mein Lieblingsbeispiel, das Wort Bibliothek auf Chinesisch (Mandarin), Koreanisch und Japanisch.

túshūguăn – doseogwan – toshokan

Schön, wie der chinesische Einfluss im Ostasiatischen Raum erkennbar wird.

Das sind die Verknüpfungen und Kontakte, die wir brauchen. Es macht Spaß, an diesem Sprachteppich zu weben, ohne Hemmungen oder übertriebener Ehrfurcht, dafür aber bewusst und systematisch. Schwer oder leicht? Alles eine Frage der Beharrlichkeit.

 

(Sämtliche Informationen über die Sprachfamilien und den Zeitaufwand habe ich Wyners Buch entnommen.)

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