Achtsamkeit, Interkultur
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Terrace House

こんばんは。テラスハウスは見ず知らずの男女6人が共同生活する様子をただただ記録したものです。用意したのはステキなおウチとステキな車だけです。台本は一切ございません。はい!

Um es vorwegzunehmen, ich liebe Terrace House.

Für alle, die Japanisch lernen und möglichst authentische Situationen und Gespräche studieren möchten, gibt es nichts besseres.

Das Prinzip dieser Realityshow ist schnell erklärt: Sechs junge Leute, drei Frauen und drei Männer, leben gemeinsam in einem seehr komfortablen Haus und werden dabei gefilmt. Das ist eigentlich alles.

Kommt uns das bekannt vor? Na klar! Weltweit gab es bereits die ein oder andere Version dieses Konzeptes und in Deutschland lief und läuft eine besonders tolle Variante!

24 Stunden Videoüberwachung und ein Haufen selbstdarstellerischer Idioten, eingepfercht in einem Container? So ist Terrace House nicht!

Terrace House hat mit Big Brother so viel zu tun wie Donald Trump mit Richard David Precht. Nichts könnte ferner liegen.

Die japanische Variante hat Stil und Style. Ein luxuriöses Wohnzimmer mit offener Küche ist genauso obligatorisch wie der Swimmingpool und die nagelneuen Autos in der Garage. Der freundliche Sponsor lässt grüßen und es fehlt an nichts.

Gefängnisinsassen gibt es auch nicht. Hier sind sind die Bewohner frei. Sie haben ihr eigenes Leben, verfolgen ihre Karrieren, oder suchen nach der Liebe, für die es sich zu sterben lohnt. Manchmal ist jemand tagelang unterwegs, doch das riesige Haus, der heimliche Hauptdarsteller, ist die gemeinsame Basis, der zentrale Ort, an dem alle wieder zusammenkommen.

Dieser Ort ist durchaus Sammelbecken für kleinere und größere Dramen. Sonst wäre es ja doch ein bisschen langweilig. Diese kleinen, feinen zwischenmenschlichen Unstimmigkeiten geben dem ansonsten so perfekt inszenierten Leben der jungen Leute Risse. Und diese lassen zuweilen tief blicken.

Terrace House als Training

Ich nutze regelmäßig Ausschnitte von Terrace House in meinen interkulturellen Trainings. Immer wieder gibt es Szenen, die dazu auffordern, innezuhalten, genauer hinzuschauen. Wie hätte eine ähnliche Situation in Deutschland ausgesehen? Welche kulturgeprägten Strategien sind hier am Werk? Erstaunlich, was man hier alles entdecken kann!

Für alle, die den Eindruck haben, Japaner seien schwer zu lesen, maskenhaft emotionslos und harmoniesüchtig, rate ich, ein paar Folgen Terrace House zu gucken. Der Eindruck wird sich bestimmt wandeln.

Ausschließlich harmonisch verläuft das Leben der Bewohner wirklich nicht.  Ja, auch Japaner streiten sich! Wenn sechs unterschiedliche Charaktere für Monate ihr Leben teilen, können Reibereien nicht ausbleiben. Von Zeit zu Zeit kracht es sogar gehörig. Doch wie glätten sich die Wogen wieder? Hier wird es interessant, denn es gibt Unterschiede zu Deutschland.

Japaner sind auf Harmonie bedacht und gruppenorientiert. Gerne werden Japaner mit diesen Labeln versehen. Etwas Klischeehaft ist das schon, aber leugnen kann man diese Tendenzen auch nicht.

Nur ist es eben leider nicht so einfach, wie es Ratgeber und auch interkulturelle Trainings gerne vorgaukeln. Die kulturellen Unterschiede wirken tief im Untergrund und sind oft subtil. Das schöne an Terrace House ist, dass du dich diesen versteckten Verhaltensmustern quasi in Zeitlupe nähern kannst. Nur etwas Aufmerksamkeit ist dafür nötig.

Der berühmte Traumpolizei-Vorfall

Gucken wir uns doch mal so einen interessanten Vorfall an. Es handelt sich hierbei um den berühmten Traumpolizei-Vorfall, der sich  in der Tokyo-Staffel relativ am Anfang ereignete. Später wird dieser für heftige Reaktionen in den sozialen Medien sorgen und in allen folgenden Staffeln immer wieder aufgegriffen.

Die Gruppe feiert gerade den Geburtstag von Yuki Adachi, dem Profi-Stepptänzer mit Ausbildung in New York. Dieser nutzt die Gelegenheit und befragt seine Mitbewohner nach ihren Zukunftsplänen. Unzufrieden mit den verträumten Antworten von Mizuki Shida, die von einem eigenen Café und vielen Freunden schwärmt, fordert er klare Ziele. Nicht nur das, er macht sich regelrecht lustig über ihre Planlosigkeit. Mizuki, immer stärker in Bedrängnis, weiß sich nicht mehr zu helfen und … weint.

Ich fand die Situation bemerkenswert. Nicht so sehr wegen der überzogenen Strenge, mit der Yuki über die Träume anderer richtete, sondern eher wegen dem, was danach kam, bzw. was nicht kam…

Die einzige Person nämlich, die der total gestressten Mizuki zur Seite stand, war die kleine Medizinstudentin Yuriko. Und wie machte sie das? Sie weinte auch!! Ok, zwei Mädchen weinten und der Rest?

Zugegebenermaßen war ich überrascht, dass die anderen Teilnehmer Mizuki nicht in Schutz nahmen. Im Gegenteil, sie unterstützen den Stepptänzer.

Sie argumentierten, dass es gut wäre, wenn alle Mitbewohner ein klares Ziel hätten. Nur so könnten sie sich auch gegenseitig helfen. Und selbst die solidarisch mitweinende Yuriko behauptete, dass sie beide, Yuki und Mizuki verstehen könne, aber von der Intensität mitgerissen worden sei.

Niemand, der Partei für eine Seite ergriff, der mal auf den Tisch haute, um den Stepper in seine Schranken zu verweisen. Warum bloß?

Wie hättest du dich gefühlt, wenn du mit dabei gewesen wärst? Wäre so eine Situation in Deutschland anders verlaufen? Wenn ja, wie? Während eines Trainings lasse ich Kleingruppen miteinander diskutieren. Sie sollen Entdeckungen machen und vergleichen.

Mit Sicherheit gab es hier eine Gruppendynamik. Der Stepptänzer war von Anfang an eine dominante Persönlichkeit, ein Leadertyp. In Japan hat so eine Persönlichkeit eine noch stärkere Ausprägung als in Deutschland. Die Gruppe begreift sich als Einheit und orientiert sich nach Führungspersönlichkeiten. Die erwähnte Situation ist ein sehr gutes Beispiel dafür, denn alle Beteiligten, auch die angegriffene Mizuki, demonstrierten Einsicht, der gemeinsamen Sache zuliebe.

Also immer nur Gruppenzwang, ohne eigene Meinung in Japan?

Nein, denn die Kommentatoren der Sendung, die zwischendurch immer mal wieder eingeblendet werden,  reagierten überhaupt nicht diplomatisch. Sie regten sich furchtbar über den „Traumpolizisten“ auf. Sie sprachen den Klartext, den ich vorher in der Gruppe vermisst hatte. Japanische Kommunikation ist eben genauso vielschichtig wie in jeder anderen Kultur auch.

In der jeweiligen Gruppensituation gibt es aber harmoniewahrende Tendenzen, die sich von den deutschen unterscheiden.

Deshalb  können diese Einblicke höchst erkenntnisreich sein. Eine Komplettlösung für die gelungene Kommunikation sind sie aber nicht. Die gibt es auch nicht!

Vielmehr sollen die Beobachtungen dem „Hineinspüren“ dienen. Ein Gefühl und wahrhaftes Kennenlernen hilft viel mehr als der Versuch, eine kulturelle Situation auf ein bestimmtes Muster zu reduzieren.

 

Falls du Netflix hast, geht es hier zur entsprechenden Folge.

 

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