Achtsamkeit
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Reisen in Ostasien? Langsam bitte!

Achtsamkeit kann auf so viele Lebensbereiche angewendet werden.

Ich bin nicht immer achtsam. Manchmal will ich es auch nicht sein. Trotzdem: Seitdem ich mich mit dem Thema beschäftige, spezielle Übungen durchführe und stärker darauf achte, wie bewusst ich etwas mache, seitdem wächst der Wunsch, ganz im Hier und Jetzt zu sein.

Kaffeetrinken ist ein gutes Beispiel. Morgens, noch kein Wort gesprochen, aus dem Fenster gucken, die Aromen einatmen und schmecken. Der Morgen öffnet sich und die bewussten ersten Schlucke geben den Takt des Tages an.

Das ist so eines dieser kleinen, unspektakulären Rituale, die ich in meinem Leben als äußerst gelungen ansehe.

Auch das Reisen möchte ich achtsamer gestalten.

Achtsames Reisen

Reisen war für mich auch immer ein Abenteuer. Ich habe das sogar bewusst zelebriert. Vielleicht habe ich den ein oder anderen Roman diesbezüglich zu viel gelesen, aber vor einer Reise packte ich meinen Koffer akribisch, gegen jede Gefahr gewappnet. So gewissenhaft wählte ich auch meine Kleidung. Wie Indiana Jones, der sich für seine Expeditionen in die Lederkluft schmeißt, um zu zeigen: Jetzt darf das Abenteuer kommen, jetzt bin ich dafür bereit.

Ich denke, das geht den meisten so. Wenigstens ein Hauch von Abenteuer schwingt in jedem Ausbruch aus der Normalität und damit ist das Reisen per se ein achtsames Unterfangen. Raus aus der gewohnten Umwelt, reagiert jede Körperzelle auf die neuen Reize.

Trotzdem, da kann man noch einiges intensivieren. Reisen ist nicht gleich Reisen!

Die japanische Angewohnheit in Gruppen und kürzester Zeit über ganze Kontinente herzufallen ist hierbei der komplette Gegenentwurf zu meinem Reiseselbstverständnis.

Diese Art passe halt zu den Japanern, weil sie so wenig Urlaub hätten und nicht selten nur eine einzige Möglichkeit im Leben, ins Ausland zu kommen. Bedauerlich, denke ich und weiß aber auch, dass Japaner das ganz anders empfinden können. „Ist doch klar!“, sagt man in jeder Kultur und meint etwas Anderes.

Aber ich bleibe bei meiner Meinung: Qualität geht über Quantität. Lieber eine Woche für einen Ort als so viel wie möglich überall. Lieber tief als flach.

Dabei ist das japanische Extrembeispiel gar nicht so weit vom Reiseverhalten vieler Europäer entfernt. Nicht selten ist der Tourismus reiner Konsum. Wir wollen in einer Reise möglichst viel für unser Geld. Mit dieser Erwartungshaltung aber ist die Enttäuschung vorprogrammiert und der Augenblick der große Verlierer.

Ehrlich gesagt hat mich das reine Abklappern der sogenannten Sehenswürdigkeiten sowieso selten nachhaltig berührt. Es fühlte sich eher fremdgesteuert und mechanisch an.

Reisen darf aber viel mehr sein: Exploratives Lernen, überraschende Inspirationsquelle und Veränderung als besonderes Resultat intensiver Erlebnisse.

Nun, ich bin ganz bestimmt kein Reinhold Messner und Rüdiger Nehberg bin ich auch nicht. Meine Abenteuer haben ganz große Gänsefüsschen. Trotzdem reise ich mit dem Anspruch, meine kleine Welt wenigstens um einen kostbaren Baustein zu erweitern. Doch wie geht das, wenn ich kein normaler Tourist sein will, obwohl ich doch einer bin?

Es gibt viele Möglichkeiten, seine Reise anzureichern. Zwei haben mir bis jetzt besondere Freude bereitet.

Zum einen: Ich begebe mich auf die Spuren lieb gewordener Vorbilder. Zum anderen: Ich reise langsam!

Auf den Spuren der Entdecker

Als Studentenjob arbeitete ich in der Koreanistik-Bibliothek. Ich hatte viel mit Büchern zu tun und die ältesten und verstaubtesten, gerade die, die fast auseinanderfielen, musste ich ehrfurchtsvoll in die Hände nehmen. Eben diese verströmten mit jedem Staubkorn authentisch Geschichte.

Das Interessante daran: Oft waren es hundertjährige Reiseberichte. Sie stammten aus einer anderen Zeit, in der die Reisenden wahrhafte Entdecker waren und der Osten wirklich noch fern. Sie berichteten von Japan, Korea und China wie von anderen Planeten. Stop!! Das kommt mir jetzt bekannt vor! Ist das nicht noch immer so? Der Osten wird jedes Jahr aufs Neue entdeckt und manchmal wirken die alten Reiseberichte erstaunlich aktuell, während die neuen abgedroschen alt erscheinen. Eine Bitte: Kein Buch mehr über „asiatische Außerirdische“! Dieses Bild ist schon so plattgetreten, Zeit für ein neues!

Doch selbstverständlich hatten die „guten, alten“ Zeiten ihre Schattenseiten. Der Chauvinismus um 1900 trieft fast aus jeder dieser verstaubten Seiten und die Autoren der Reiseberichte inszenierten sich nur zu gerne als überlegende Übermenschen. Gleichwertige interkulturelle Begegnungen, Mangelware. Wären da nicht gleichzeitig diese reichhaltigen, aufmerksamen Beobachtungen einer faszinierenden Zeit…

Man muss ja nicht alles von den alten Entdeckern übernehmen. Den damaligen Eurozentrismus sicherlich nicht. Mit leichtem Gepäck zu reisen, so beschreibt es Ilija Trojanow in seiner „Gebrauchsanweisung fürs Reisen“, beziehe sich nicht nur auf die Koffer und Taschen. Das Gewohnte, die Vorurteile und Besserwissereien könne man sich praktischerweise auch noch entledigen.

Die reine Entdeckerhaltung lässt sich aber durchaus gewinnbringend abgucken. Es gibt noch tausend interessante Kleinigkeiten herauszufinden und jede Menge großartige Erlebnisse auf dem Wegesrand.

Um die nicht zu verpassen, reist man am besten langsam. Auch so etwas, was die Alten perfekt konnten, ja sogar mussten.

Slow Travel

Früher alternativlos, heute gerne vermieden, das Fortbewegungsmittel des Entdeckers ist nach Möglichkeit der Zug, das Schiff oder noch besser: das klassische Zu-Fuß-Gehen. Langsames Reisen gibt uns nicht nur die notwendige Zeit, sorgsam Eindrücke zu sammeln, sie ist auch gerne mal super unbequem. Das ist gut! Vielleicht nicht immer in dem Moment, doch ganz sicher in der Retrospektive. Nicht selten spendieren diese Strapazen Erfahrungen und Begegnungen, die unseren Erinnerungen für immer erhalten bleiben.

Zu diesem Thema kann ich ein Buch empfehlen. Es heißt „Slow Travel: Die Kunst zu Reisen“ von Dan Kieran. Keine Frage, dass ich mich sehr von seinem Inhalt angesprochen fühle. Im Klappentext steht´s:

Dan Kieran entwickelt eine Philosophie des Reisens, die sich jenseits von Massentourismus und Top-Ten-Attraktionen abspielt. Er hat sich dem Zufall, dem Chaos der Natur, ausgeliefert und dabei die Erkenntnis gewonnen, dass die langsame Art des Reisens den ganzen Blick auf die Welt ändert. Vor allem geht es um die innere Haltung.

Und tatsächlich! Es lohnt sich, auf Abwege zu geraten.

Einmal zum Beispiel, als ich noch in Japan lebte, wollte ich mal wieder die Nähe zu Südkorea nutzen, meine erste ostasiatische Liebe zu besuchen. Diesmal aber nicht mit dem Flugzeug. Die „Helden“ meiner alten Reisebücher konnten das schließlich auch nicht. Ich folgte der klassischen Route, wählte die Strapaze und wurde belohnt.

Meine Schifffahrt nach Südkorea

Die klassische Route sieht wie folgt aus: Mit dem Schiff von Japan nach Korea, von Shimonoseki nach Busan.

Das geht heute immer noch, nur macht es kaum ein Westler. Kein Wunder, denn sie in jeder Hinsicht billig. Wie damals gibt es Gruppenräume, in denen man auf dem schwankenden Boden schläft, wie damals ist man umgeben von einer sehr speziellen Schicksalsgemeinschaft japanischer Mitreisender. Alle arrangieren sich miteinander auf kleinstem Raum und Gespräche entfalten sich ganz natürlich. Japanisch-Koreanische Geschichte zum Beispiel ist so ein nahe liegendes, wenn auch brisantes Thema. Als Ausländer ist man wenigstens für die Zeit der Überfahrt ein Teil dieser Gruppe. Wirklich Schlaf finden konnte ich nicht.

Diese Schiffsreise ist ruppig und unbequem. Entlohnt wird man trotzdem, denn allein das Gefühl, vom „Heimathafen“ abzulegen und am nächsten Morgen das neue Ufer des Festlandes zu erblicken, ist jede Strapaze wert. Wenigstens ein wenig konnte ich nachempfinden, wie es den alten Reisenden erging. Es ist ein zutiefst körperliches Reisen, wenn man auf dem Meer schaukelnd, die Salzluft spürt und von Land zu Land gelangt.

Die Motto-Reise

Es macht Spass, seine Reise mit einer selbst ernannten Mission zu verbinden. Tim Ferriss reiste nach Kunming in China für seinen geliebten Pu-Erh-Tee. (siehe hier)

Für seinen Roman „Der Weltensammler“ folgte Ilija Trojanow den Spuren von Richard Francis Burton. Um die „Langsamkeit des damaligen Reisens nachempfinden“ zu können, durchquerte er zu Fuß Tansania. (siehe hier)

Und mein bescheidener, kleiner Plan für die nächste Japanreise ist Kaffee.

Kaffee im Land des Tees? Als Motto nicht unbedingt naheliegend und gerade deshalb maßlos unterschätzt. Gemeinsam mit meinem Coffee-Nerd-Kumpel Björn begebe ich mich im Mai auf die Suche nach ausgefallenen Orten für perfekte Aromen.

Ich bin schon sehr gespannt, welche Entdeckungen sich dabei ergeben werden, unerwartet, vielleicht unbequem, aber herzlich willkommen.

 

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