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Oshogatsu und andere Überraschungen

Von 2008 bis 2011 habe ich in dieser kleinen, aber dennoch in Japan recht bekannten Stadt namens Onomichi gelebt. In der Hiroshima-Präfektur gelegen, direkt an der wunderschönen Inlandsee, zieht sie regelmäßig Touristen, Künstler und Filmemacher an.

Der Schiffsbau ist hier groß und Onomichi-Ramen das bekannteste Gericht. Außerdem spielt der neuste Teil der Videospielreihe „Yakuza 6“ teilweise in Onomichi. Das ist aber alles nur nebensächlich, denn in erster Linie wohnt die Familie meiner Frau hier.

 

Ich denke, Pausen sind in Lernprozessen extrem wichtig. Auch das Leben in einer japanischen Familie ist so ein Lernprozess und kann in vielerlei Hinsicht fordernd sein. Die vielen ungeschrieben Regeln und Abläufe, die man erstmal kennenlernen muss. Wie passe ich da rein? Wo ist mein Platz? Jede Familie ist eine Kultur für sich.

 

Wenn man nicht ständig das Gefühl haben will, lediglich ein Gast zu sein, der sich selbst zurücknimmt und vorübergehend anpasst, muss geklärt sein, welche Rolle man in diesem Verbund spielen will. Ich zumindest wollte am liebsten gar nichts mehr spielen, sondern einfach nur so sein wie ich bin. Im Laufe der Zeit haben wir uns durch gemeinsame Erlebnisse, Krisen und viel Geduld kennengelernt und nach jeder Pause wird diese Selbstverständlichkeit zwischen uns ein Stückchen natürlicher.

 

Natürlich war ich auch wieder überfordert. Meine Sprachkenntnisse hatten sich eigentlich seit dem letzten Japanaufenthalt verbessert und dennoch gab es nach drei Tagen einen Totalzusammenbruch. Ich reagiere einsilbig auf die Fragen meiner Schwiegereltern und bin selbst von mir gelangweilt. Einfachste Satzkonstruktionen kosten Überwindung. Ich bin ständig müde. Jetlag und die allgemeine Anpassung an den ungewohnten Lebensrhythmus dürfen wohl nicht unterschätzt werden.
Während meiner ganzen drei Jahre in Japan habe ich es nicht einmal geschafft, das japanische Neujahrsfest mitzuerleben. Beim ersten Mal war ich während der Neujahrszeit tagelang krank im Bett, während alle anderen das übliche Programm ohne mich durchgezogen haben, und in den nächsten Jahren war ich Silvester immer in Deutschland.

 

Diesmal war es also das Hauptziel, endlich Zeuge dieser besonderen Zeremonie zu werden, die in Japan Oshogatsu genannt wird.
In Asien hat das Neujahrsfest kulturbedingt einen etwas anderen Bedeutungsschwerpunkt als in Deutschland. Auch wenn es in den asiatischen Ländern unterschiedlich begangen wird, ist das Neujahrsfest in erster Linie ein Familienfest.

 

Kein Sektbesäufnis ohne Ende. Keine Überparty, die noch mal alles bisher Dagewesene toppen soll. Und definitiv keine kriegsähnlichen Zustände auf der Straße. Dagegen …………… Stille! Ein Countdown ohne Explosion. Eine geradezu ernüchternde Ruhe. Nur der Glockenschlag des Tempels, dem ich andächtig lausche. Wir wünschen uns gegenseitig alles Gute fürs neue Jahr und gehen ins Bett. Mein Schwiegervater war da übrigens schon lange eingeschlafen und so blieben nur Schwiegermutter, Frau und ich. Wo war denn jetzt die Familienstimmung? Ach ja, die kam erst am 01.01.2017.

 

Ohne vorwarnende Erklärung verlief der erste Tag des Jahres. Das Frühstück stand schon bereit, aber zuvor zog mich meine Frau noch mal schnell zum Butsudan und wir beteten vor den (mir fremden) Ahnen.
Dann das traditionelle Neujahrsessen: Jede Speise ein glücksverheißendes Symbol, Gesundheit für den neuen Jahreszyklus. Natürlich nur, wenn man die Mutprobe besteht und die Misosuppe mit Mochi überlebt.

 

Ja, am Klebreis ersticken jedes Jahr vor allem ältere Menschen. Natürlich nicht reihenweise, aber einer Bekannten meiner Schwiegermutter soll es so ergangen sein, wodurch dieses Phänomen eine bedrohliche Relevanz für mich hat. Eigentlich esse ich Mochi gerne und ohne Bedenken, doch vor diesem speziellen Neujahrs-Mochi habe ich mich lange im Voraus gefürchtet. Dementsprechend angestrengt habe ich die Suppe dann auch heruntergewürgt.
Abgesehen davon, dass ich in Todesangst Mochi aß, verlief auch das Frühstück genauso unspektakulär wie der gestrige Abend. So beiläufig und routiniert verhielt sich die Familie, dass eine festliche Stimmung für mich nicht wirklich erkennbar war. Ein typischer Ablauf, von dem wohl nur ein Uneingeweihter wie ich Besonderes erwartet.
Genauso routiniert, aber für mich total überraschend, fragte der Schwiegervater mit hochoffizieller Miene nach unseren Plänen und Vorsätzen für das neue Jahr. Alle kannten das Ritual. Warum nicht ich? Hätte mir nicht jemand vorher davon erzählen können? Nun fühlte ich mich entblößt.

 

Jeder kam an die Reihe und auch ich musste mir schnell etwas überlegen. In Japan lernt man durch Erfahrung und kein wohlmeinender Ratgeber hätte mich drauf vorbereiten können.

Nicht die Fettnäpfchen, vor denen so viele Angst haben, in Japan zu treten, haben mir bis jetzt Schwierigkeiten bereitet. Es waren stets die Momente, in denen ich mich unaufgeklärt, allein gelassen und zum bloßen Mitläufer verdammt gefühlt habe, die mir zu schaffen gemacht haben. Nicht das Gefühl, peinliche Situationen auszulösen, sondern unbedeutend daneben zu stehen, war bis jetzt der Hauptgrund für Fremdheit.
Wo war denn jetzt die Familienstimmung? Richtig! Die kommt jetzt!

 

 

Es war ein klarer Morgen in Japan und nach dem Frühstück machten wir uns zum nächstgrößten Shintoschrein auf. Nachbarn, Bekannte und Freunde trafen sich dort.

 

Die typische Katerstimmung, die ich aus Deutschland kenne, fehlte vollkommen. Stattdessen war es ein ruhiger, wacher Start ins neue Jahr, den wir Tee trinkend begangen.

 

Alles wirkte frisch und lebendig. Hier hatte ich das erste Mal das Gefühl, ein gemeinschaftliches Neujahrsfest zu erleben, dem ich wirklich etwas abgewinnen konnte. Auch hier fehlte alles Spektakuläre, doch konnte ich mich in die Stimmung vertiefen und war damit zufrieden. Fremd und ungewohnt? Ja, aber eine echte Alternative zu der deutschen Silvesterkultur.

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