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Korea und die Kulturschockkurve

Was mir zu Korea einfällt…

Oh, da kommt einiges hoch.

Immerhin hat sich nach 20 Jahren so einiges angehäuft. Doch ein einheitliches Bild kann ich nicht liefern.

Vielmehr hatte jede Phase meiner Koreabeziehung eine vollkommen unterschiedliche Bedeutung und jede Phase enthält somit ihre eigens innewohnende Wahrheit.

Ist das nicht bei allen Beziehungen so? Sie wandeln sich und durchlaufen verschiedene Stadien. Dein Verhältnis zu einem Land und seiner Kultur macht da keine Ausnahme.

KBS World Radio

Es gibt da eine Radio-Reihe zum Thema Korea, die ich empfehlen möchte: KBS World Radio!

Explizit meine ich die Radioreihe von Jan Dirks, die du in der deutschen Version findest.

(Mit Jan habe ich zusammen Koreanistik in Hamburg studiert. Obwohl, so ganz trifft es das eigentlich nicht. Nicht zusammen! Gefühlt war er nämlich immer 10 Semester voraus, während ich noch dabei war, koreanische Doppelkonsonanten zu stammeln.)

Von ihm fühlte ich mich zu diesem Artikel inspiriert.

Geradezu aus der Seele spricht er mir mit seiner Dreiteiler-Folge: „Über die Entwicklung einer Beziehung“

Viel besser als ich drückt er hier seinen Beziehungsverlauf mit seiner Wahlheimat Südkorea aus. Wunderbar gestaltet, brilliant formuliert und humorvoll unterteilt er seinen Bericht in die „Alles-Super-Phase“, die „Alles-Mist-Phase“ und die „Alles-…-Phase“

So ähnlich mach ich das jetzt auch…

Ich habe mich sehr gefreut, als ich seine Beziehungssicht bei KBS fand. Viele Erinnerungen kamen mir und nun kann ich mich nicht mehr länger zurückhalten.

Das hier ist jetzt meine Geschichte! Die Geschichte meiner Beziehung zu Südkorea.

In einer anderen Welt

Ich kann mich noch genau erinnern, wie ich auf dem Campus der Hanguk University of Foreign Studies stand. Ich war in einer anderen Welt!

Mitten drin, umgeben von koreanischen Studenten, die oft paarweise oder in Gruppen zwischen den Gebäuden schlenderten, oder Vereinzelte, die in Panik um ihr Leben rannten. Ja, das war schon ein idyllisches Bild von einer unbeschwerten Studentenzeit.

Rhythmisches Schreien, die Mitglieder des Komdo-Klubs übten sich in ihrem Schwertkampf, direkt auf dem Campus. Unvorstellbar für eine Uni in Deutschland. Ich war wahrlich in Asien gelandet. Ein Traum ging in Erfüllung, denn da war auch eine Gruppe von Taekwondo-Leuten, die wie eine Militäreinheit demonstrativ herumjoggte und lauthals den Lauftakt mitzählte: Hana!! Dul!! (brüllte der Chef der Gruppe) Set!! Net!! ( brüllte die ganze Gruppe zurück)

Es war alles zu schön um wahr zu sein! Ich als Kampfkunstfanatiker war im Himmel, ich musste mir nur noch Zugang zum Taekwondoklub der Uni verschaffen. Ich wollte mitjoggen!!

Die Vorphase: Ankommen und schockiert sein

Nun war ich da! Nun war ich in Südkorea! Mit Schwarzgurt und jede Menge Hoffnungen im Gepäck.

Doch der Anfang war nicht so leicht. Ehrlich gesagt war Südkorea keine Liebe auf den ersten Blick.

Als ich das erste Mal hier ankam, war es vielmehr ein unmittelbarer Schock. So hatte ich mir Asien nicht vorgestellt. Seoul schien nur aus Plattenbauten zu bestehen. Gigantisch… abstoßend.

Wenn man nach einer langen Flugreise endlich am Ziel ist, übermüdet, jede Körperzelle voller Erwartungen geweitet, spielen die ersten Eindrücke eine wichtige Rolle.

Für mich war Seoul zunächst einmal hässlich. Da konnte man nichts beschönigen, selbst als noch so großer Ostasienfan und es fühlte sich an wie ein Schlag in die Magengrube. Es sollte noch einige Zeit vergehen, bis ich mich in die eigentümliche Stimmung der Stadt verlieben würde.

Immerhin war ich nicht alleine. Die ganze Koreanistikgruppe aus Hamburg war dabei. Wir hatten ein Stipendium bekommen und waren gleich im zweiten Semester für sechs Monate in Seoul, um Land, Leute und Sprache kennenzulernen.

Trotz der deutschen Gruppe im Rücken fühlte ich mich wie ausgesetzt. Wie irgendwo in die wilde Fremde gedropt. Und tatsächlich: Plötzlich war ich auf mich alleingestellt und mittendrin. Gleich nach der Ankunft, wurde für mich ein Hasukjib (하숙집) organisiert. Alles sehr spontan, alles sehr beängstigend…

Ich war nun Teil einer Art privaten Studentenunterkunft. Eine koreanische Familie vermietete an Studenten ihre Zimmer, die Mutter kochte für alle Frühstück und Abendessen, die Wäsche übernahm sie ebenfalls. Am Abend saßen wir Studies im Kreis um den Tisch und ich wurde beäugt wie ein Außerirdischer.

Es gibt immer noch relativ wenig Ausländer in Südkorea, damals war ein Deutscher im Hasukjib mehr als außergewöhnlich.

Ich kann mich erinnern, dass ich die ersten Wochen wie unter Drogen durch die Gassen Seouls lief. Es war im Februar noch ordentlich kalt, die Straßen dampften aus ihren Garküchen, überall die neuartigen Gerüche, die koreanische Schrift und ich als glotzender Fremder in der Fremde.

Da gab es die Faszination, dass hier alles anders war und es gab genau deshalb die Überforderung. Mein Organismus kam mit dem Verdauen der neuen Eindrücke kaum hinterher und ich musst mich mehrmals kneifen: Du bist jetzt wirklich in Korea!!! Du träumst nicht!!

Das war die allererste Schockphase.

Der nächste Schritt: Südkorea ist mein Traumland!!

Doch langsam lernte ich die neue Umgebung kennen. Ich gewöhnte mich an die Tagesabläufe, an das Essen. Schritt für Schritt machte ich mich mit allem vertraut und wurde selbstständig.

Ein wunderbares Gefühl läutete meine neue Beziehungshase ein, die der Experte für interkulturelle Kompetenz  unverzüglich als „Honeymoon-Phase“ ausmachen würde. Die Alles-Super-Phase!

Hier wäre ich am liebsten ewig geblieben! Und tatsächlich wollte ich in dieser Phase nie mehr zurück nach Deutschland. Ich fühlte mich rundum wohl. Das Neue inspirierte mich auf Schritt und Tritt. Ich genoss die Exotik, die ich ja nun schon ein wenig zu beherrschen wusste, in vollen Zügen.

Ich gehörte jetzt sogar zum Taekwondo-Klub der Universität!

Stolz joggte ich von nun an als einziger Ausländer in der Gruppe koreanischer Schwarzgurtträger kreuz und quer über den Campus. Stolz brüllte ich im Takt und auf dem Rücken meiner Taekwondo-Uniform prangte der Name unserer Universität: 外国大学.

Ok, auch in dieser Begeisterungsphase kam es zu Rückschlägen. Mal wurde ich krank, mal überraschte mich das Verhalten der Koreaner im Taekwondo-Klub oder in meiner Studentenunterkunft. Selten kam es zu regelrechten Vorkommnissen. Fettnäpfchen, in die ich ahnungslos trat, wurden mitunter streng getadelt.

Doch grundsätzlich hatte ich mich in der neuen Heimat ganz gut eingerichtet.

Ich liebte es, in den stylischen Cafés abzuhängen und fachmännisch meinen Hazelnut-Koppi zu bestellen. Eingebettet in diesem selbstbewussten Gefühl, ein unbeschriebenes Blatt zu sein, sich neu in dieser neuen Welt kennenzulernen und als Ausländer tatsächlich endlich mal etwas Besonderes sein zu dürfen, ahnte ich noch nicht, dass die nächste Kulturschockphase gleich an der nächsten Ecke auf mich warten würde.

Die Kulturschockkurve

Vielleicht ist es jetzt mal Zeit, genauer zu erklären, was mit Kulturschock, den verschiedenen Phasen und der Kurve gemeint ist.

Nun, einen mehr oder weniger heftigen Schock hat wohl jeder einmal erlitten. Stark Befremdliches in einer unbekannten Kultur kann äußerst überraschend, gar schockierend sein.

Der sogenannte Kulturschock meint aber noch etwas Anderes: Es ist vielmehr die verunsichernde Erfahrung gemeint, bei der tradierte Werte und Problemlösungsstrategien in der Fremdkultur nicht mehr greifen.

Bin ich hier ok so wie ich bin?

Die Frage schwebt über kurz oder lang im Raum. Die eigene Identität steht auf dem Prüfstand und Prüfungen gibt es an jeder Ecke.

Auf längere Sicht kann das stressen. Dein Selbstverständnis beginnt zu bröckeln.

In der Anfangszeit mag alles Neue aufregend sein, doch sobald Ruhe einkehrt, können Unterschiede wirklich nerven. Diese Phase kann eine waschechte Krise sein. „Das Negative“ der Kultur liegt im Fokus der Aufmerksamkeit.

Die Wahrnehmung kann nicht mehr, auf jeden Fall nicht mehr neutral bleiben und es wird bewertet und abgewertet was das Zeug hält.

Das kann eine schwierige, sogar unversöhnliche Zeit sein. Doch der Aufschwung erhält eine Gewöhnungsphase parat. Die Kurve steigt zwar nicht mehr in die Euphorie-Sphären der Honeymoon-Phase, pendelt sich aber auf einen „normalen“ Wert ein. Die einst fremde Kultur erscheint tatsächlich normaler. Teile der fremden Kultur werden integriert.

Dr. Kalervo Oberg*, ein US-Amerikanischer Anthropologe, verbreitete zunächst die Theorie des Kulturschocks als einen prozessartigen und durchaus typischen Verlauf.

Das alles mag sehr theoretisch anmuten, doch ich selbst war nicht wenig geschockt, als mir die Kulturschockkurve zum ersten Mal zu Gesicht kam. Erstaunlich, wie „gut“ dieses Modell auf meinen emotionalen Verlauf vor, mittendrin und nach Südkorea passte. Man hätte es wie eine Schablone über meinen Werdegang legen können. Alles machte plötzlich Sinn.

Die Krise

Wenn ich damals nur gewusst hätte, was ich jetzt weiß…

Bitte keine Panik!

Nicht jeder erlebt die Kulturschockkurve in seiner vollen Pracht. Das muss ja auch nicht sein.

Nicht jeder erlebt nach der „Alles-Super-Phase“ die totale Krise.

Ich für meinen Teil hatte allerdings recht herbe Krisensymptome. Nach ca. fünf Monaten war alles zu viel für mich. Es ist schon mal ein sehr schlechtes Zeichen, wenn man nur noch auf McDonalds ausweicht und die einzige Alternative Burger King ist. Wie lange soll man das aushalten?

Im koreanischen Sommer verschmorten dann meine eh schon strapazierten Gehirnzellen. Ich war körperlich und geistig ziemlich am Ende und dann war meine Zeit auch schon vorbei.

So gesehen habe ich die volle Kulturschock-Kurve nie erlebt. Bevor ich eine erneute Anpassung hätte erfahren können, ging es wieder zurück nach Deutschland. Dort hatte ich dann den viel zu oft unterschätzten, umgekehrten Kulturschock.

An Deutschland musste ich mich nämlich genauso gewöhnen, wie zuerst an Südkorea. Irgendwas hatte sich in mir verändert, die Frage war nur, was. Ein Südkoreaner war ich definitiv nicht geworden, aber auch Deutschland erschien mir fremd. Ein bizarres Zwischengefühl.

Entwicklungen, Veränderungen brauchen Zeit, Geduld und vor allem viel Bewusstheit. Das ist meine Erkenntnis, mein Fazit. Jeder gestaltet seine Veränderungskurve selbst.

Mein Fazit

Es gibt tausend Erinnerungen an meine Zeit in Südkorea, die ich nicht mehr missen möchte. Diese Zeit hat mich ungeheuer geprägt. Ohne diese Erfahrungen wäre ich nie Trainer und Coach geworden.

Doch hätte ich damals gerne einen Coach gehabt, mit dem ich ein wenig mehr Ordnung und Orientierung hätte entwickeln können. Es ist noch viel zu wenig bekannt, dass es diese Möglichkeit gibt, dass es ok ist, sich einen persönlichen Coach zu erlauben. Du musst nicht immer alles alleine schaffen. Wenn du Unterstützung brauchst, hol sie dir!

Bring Klarheit in deine Beziehung zu Ostasien und gestalte sie so, dass du für dein Leben optimal profitierst.

 

 

*Dr. Kalervo Obern, ein US-Amerikanischer Anthropologe, hat sie entwickelt, der Kulturwissenschaftler und Sinologie Martin Woesler hat sie um eine wichtige Komponente erweitert, dem Kulturschock in der Eigenkultur. Praktisch ging er davon aus, dass die Begegnung mit einer zunächst fremden Kultur zunächst eine (etwas naive) Begeisterung auslöst. Auf dieses Hoch folgt der tiefe Fall in die Krise. In erster Linie werden kulturelle Unterschiede als Trennung wahrgenommen, sie werden mitunter abgewertet. Diese negative Wertung hat konkrete Auswirkungen: Eventuell macht sich Enttäuschung breit bis hin zur Depression. Durch Verarbeitung gelingt aber eine Regulation und Eigenarten der Fremdkultur werden teilweise angenommen.

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