Interkultur, Lernen
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Interkulturelles Training und… SMAP

Vorsicht! Ernstes Thema (siehe Bild)!

Was hat Kimura Takuya mit Yamato-Damashii zu tun?

Warum ist das Ende der berühmtesten japanischen Boy-Band SMAP auch für Gastschüler in Japan äußerst interessant?

Das alles, aber eigentlich viel mehr, war Inhalt des interkulturellen Trainings neulich in Berlin. Die Vorbereitung meinerseits ist nun abgeschlossen und in den nächsten Monaten werden sich 15 deutsche Schüler in Richtung Japan aufmachen. Da alle wichtigen Themen behandelt sind und der Finger auch auf unangenehme Stellen gelegt wurde, liegt es jetzt an ihnen, die verbleibende Zeit zu nutzen.

Ich hoffe sehr, dass mein Training bei den Teilnehmern nachhallt und die Sinne für die großartigen Lernmöglichkeiten dort drüben geschärft wurden. Denn eins ist klar: Tatsächlich in Japan zu leben, rückt alle in Deutschland gesammelten Vorstellungen in ein neues Licht. Aus einem Hobby wird eine reale Lebenserfahrung. 

Berlin

Als ich am Vortag des Trainings in Berlin ankam, fühlte ich mich gelinde gesagt nicht ganz in der Spur. So ist das halt manchmal. Du bereitest dich akribisch vor, feste Ziele im Kopf, die du diesmal anders, neu und viel besser erreichen möchtest und dann kommt etwas Unerwartetes daher.

Herr (oder Frau) Unerwartet ist von nun ab dein Reisebegleiter. Er (oder sie) ist hocherfreut dabei zu sein. Du eher nicht so. Irgend so ein ungewollter Gast ist eigentlich immer dabei. Diesmal hatte ich Fieber.

Leicht benebelt fand ich meine Unterkunft zum Glück schnell. Alles, was mich normalerweise an Berlin fasziniert, faszinierte mich nicht. Die Berliner Coolness war mir zu anstrengend. Ich wollte nur noch Ruhe und Schlaf.

Dann, auf dem Weg zum Check-in, stand ein junger Mann vor mir, der mich erwartungsvoll anstarrte. Ich wartete auch und starrte zurück. Gehörte er zu diesem Etablissement? Würde er mich gleich als Gast erkennen und mich, wie in den Internet-Rezensionen angekündigt, lächelnd in sein Herz schließen? Ein paar Starr-Sekunden später wurde klar: Dem war nicht so!

Das Gegenteil war der Fall. Ein Psychopath mit komischem Benehmen und keinen Bock auf mich! Beim Versuch, aneinander vorbeizugehen, kam es zum Klassiker. Ich ging links, er rechts. Wir stießen fast zusammen. Angewidert stieß er mich weg. Komischer Kauz!

Der lächelnde, so hoch gepriesene Empfang wartete dann glücklicherweise nur eine Tür weiter auf mich. Doch ich war immer noch irritiert.

Im Nachherein bin ich mir nicht mehr so sicher, ob der komische Kauz mich nicht auch für einen Psychopathen gehalten hat. Wer weiß, wie mein Fieberblick auf ihn gewirkt hat. Vielleicht waren wir sogar beide in dem Moment komisch. Wer weiß?

Fieber hin oder her, ausruhen konnte ich mich auch nach dem Training. Das war jetzt wichtig. Dafür war ich hier.

Das Training

Ich muss zugeben, dass ich überrascht war von den jungen Leuten. Dass sich Ostasien-Fans in ihrer Materie auskennen, ist zwar nicht verwunderlich, aber der Informiertheitsgrad hat spürbar zugenommen, so zumindest mein Eindruck.

Das liegt wohl vor allem an YouTube und den vielen Videos über Japan. Inzwischen gibt es eine Masse gehaltvoller und vollkommen unwichtiger Informationen. Diese voneinander zu trennen, verlangt bei der Anzahl und Länge der Videos etwas Geduld. Authentische Einblicke, Meinungen und Tipps gibt es aber auf jeden Fall.

Bei meinem Training mache ich den obligatorischen Fettnäpfchen-Check deshalb nur der Vollständigkeitshalber. Die meisten sind sowieso bereits durch YouTube gebrieft.

Gefühlt, natürlich nicht in echt, rollten die Teilnehmer deshalb mit den Augen, Unterforderung machte sich breit: Stäbchen nicht in Reis stecken… blah, blah, lautes Schneuzen vermeiden… blah, blah, in der Bahn herrscht Telefonierverbot… ok, alles abgehakt. Das war einfach.

Aber wie ist es mit ein bisschen Geografie und Gesellschaft?

Wie hoch ist der Ausländeranteil Japans in Prozent? Zwei, so die prompte Antwort. Nicht schlecht, also weiter.

Und wie fühlt es sich an, Japaner zu sein?

So eine Frage ist schon schwieriger zu beantworten. Gefühle können nur gefühlt und nicht gedacht werden.

Deshalb bestand mein Training nicht nur aus Allgemeinwissen.

Wahrscheinlich stellen sich viele ein interkulturelles Training so vor. Dir werden die Unterschiede zwischen Eigen- und Fremdkultur vorgestellt, die obligatorischen Fettnäpfchen präsentiert und das ganze durch Informationen über Geschichte und Gesellschaft abgerundet.

Mir ist es aber noch wichtiger, einen Geschmack Asiens zu vermitteln.

Ich habe es ja bereits mehrmals geschrieben: Fühlen ist wichtiger als Wissen. Wie fühlt der Andere? Wie fühle ich?

In der Fremdkultur warten auch immer wieder Erfahrungen, die nicht zum gewohnten Gefühl für Stimmigkeit passen. Aber warum dem vermeintlich Negativen nicht mal eine Chance geben? Wenigsten den großen Zeh ins Wasser tauchen, um die Temperatur zu testen. Vielleicht brauchst du der Anpassung einfach nur etwas Zeit zu geben.

Das IK-Training soll dieses Eintauchen simulieren. Du sollst dich probeweise fremden Wertvorstellungen nähern. Dich auf die Gefühlsebene des Anderen einlassen und die eigene überprüfen.

Was wir brauchen, sind Beispiele und die Möglichkeit durch sie unsere Gefühle zu reflektieren.

SMAP

Während des Trainings habe ich auch ein Video von SMAP gezeigt. Kennst du SMAP?

Wer die zeitgenössische Popkultur Japans verstehen will, kommt an dem SMAP-Phänomen nicht vorbei. Diese Boyband prägte über 25 Jahre eine gesamte Generation. Nicht nur als Sänger, SMAP war dauerpräsent in nahezu allen Bereichen der Unterhaltungsindustrie. Waren! SMAP gibt es als Gruppe nicht mehr. Eine Ära ist vorbei.

Zurück bleibt ein traumatisiertes Land.

Ich habe ein Video von SMAP gezeigt, bei dem alle fünf Mitglieder in schwarzen Anzügen und höchstförmlicher Pose zu sehen waren. Das Video stammt aus dem Frühjahr 2016, als Japan noch Hoffnung hatte.

Nebeneinander aufgereiht entschuldigten sich SMAP bei ihren Fans und versprachen, alles dafür zu tun, als Gruppe weiterzumachen, wieder den vorherrschenden Trennungsgerüchten.

Sie entschuldigen sich bei der Öffentlichkeit, wegen Trennungsgerüchten? Warum?

Umgekehrt wäre die Frage auch interessant.

Warum entschuldigt sich eigentlich kein deutscher Star bei uns? Warum hat Boris Becker vor gar nicht langer Zeit endlich mit dem Missverständnis aufgeräumt, dass er „unser“ Bobbele sei. Er wurde von „uns“ vereinnahmt, sagt er und ich glaube, er empfand das durchaus negativ.

Vereinnahmt? Wie hat sich wohl Masahiro Nakai, der eigentliche Leader der Gruppe, gefühlt, als er sich für die Unannehmlichkeiten bei den Fans entschuldigen musste. Kimura Takuya stand in der Mitte, nicht er. Er stand ganz außen an der Seite und kniff sich verkrampft in die Hand. Selbstbeherrschung ist alles, wenn man Verantwortung zum Wohle der Gemeinschaft übernehmen muss.

Kimutaku brauchte sich nicht zu entschuldigen. Er hatte sich ja auch für das alte Management entschieden, der Rest wollte gehen.

Doch Pflichtgefühl und Loyalität sind wichtiger als Stolz. Da muss man schon mal durch und sich öffentlich entschuldigen, obwohl es im Inneren vielleicht ganz anders aussieht.

Wie fühlt sich das an?

Für mich persönlich: Gar nicht gut!

Aber wenigstens meinen kleinen Zeh halte ich dennoch rein, in dieses ungewohnte Gefühl.

 

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