Achtsamkeit, Allgemein, Interkultur
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Hinter den Bildern

Shanghai 1941, eine chinesische Widerstandskämpferin steigt aus der Rikscha, schaut sich in der breiten, belebten Straße nach ihren Komplizen um und betritt einen Juwelierladen. Dort soll sie einen Brief aushändigen, vermutlich eine Falle der japanischen Kollaborateure.

Das ist der Beginn einer Schlüsselszene aus Ang Lees Film „Gefahr und Begierde“. Eine nervenaufreibende Szene, in der die lang aufgestaute Intensität der Handlung ihren Höhepunkt findet. Trotz der Spannung fällt mir plötzlich etwas Nebensächliches auf. Im Hintergrund schlendern Westler, die Verkäufer im Juweliergeschäft sind Inder und in der Folgeszene im Café sitzen erneut Nichtasiaten. Zum ersten Mal im Film sind offensichtlich Ausländer zu sehen!

 

 

Warum berührt mich das? Weil diese Ausländer überhaupt nicht exotisch wirken! Sie spielen in schon fast spektakulärer Weise keine Rolle, sind in ihrer Funktion vollkommen unerheblich für die Geschichte! Es gibt keinen dramaturgischen oder symbolischen Grund für ihren Einsatz. Ang Lee hat die Bubbling Well Road und das deutsche Café Kiessling, ebenso wie die Menschen, lediglich historisch genau inszeniert. Die verschiedenen Kulturen aber sind in den Szenenbildern in gleichgültiger Gleichwertigkeit vereint. Fantastisch!

Was fällt dir eigentlich zum Thema Japan ein?

Ich interessiere mich für Bilder. Fotos und Gemälde faszinieren mich auch, aber hier in diesem Blog möchte ich über die Bilder in unserem Kopf sprechen. Ich meine die Vorstellungen, die wir über andere Kulturen haben.

Ein kleines Beispiel: Was löst das Land Japan in dir aus? Wenn du deine Antwort nicht vorbereiten könntest und in kürzester Zeit reagieren müsstest, was würde dir spontan einfallen?

Hin und wieder stelle ich die Frage in Seminaren und bekomme typischerweise diese Antworten:

Nicht überraschend, oder? Du kannst dir vorstellen, wie die Liste weitergeht: Ninja, Hightech, Kimono… Und trotzdem sind diese Ergebnisse erstaunlicher als es zunächst den Eindruck macht. Wahrscheinlich nur wenige Kulturen, die uns fern und fremd erscheinen, lösen gleichzeitig eine ähnliche Kaskade fest etablierter Bilder in uns aus.

Oder wieviel fällt dir spontan zum Nachbarland Südkorea ein? Wie ist es bei weniger entfernten Ländern? Welche Bilder poppen dir unwillkürlich zu Ungarn auf?

Warum ist das so? Zunächst einmal ist es vollkommen normal in Stereotypen zu denken. Das Gehirn vereinfacht gerne komplexe Zusammenhänge und kategorisiert sie. Das Wort Japan löst Assoziationen aus und diese beschränken sich gerne auf leicht Reproduzierbares. Wie oberflächlich dieser Vorgang ist, wissen wir alle. Die Erkenntnis ist also nicht sonderlich spektakulär, ich weiß. Trotzdem frage ich mich, warum wir im Falle Japans so selten über diese standardisierten Bilder hinauskommen. Und wollen wir das überhaupt?

Anscheinend ist Japan immer noch so fremd, dass wir Klischees brauchen, um einen Zugang zu finden.

Hinter dem Klischee

Erst neulich im Zeitschriftenladen eines Bahnhofes fällt mir die Überschrift eines Wissenschaftsmagazins auf. Dort steht: „Bizarre Technik aus Japan. Roboter zum verlieben.“Ich schlage die entsprechende Seite auf und lese: „Japaner haben eine innige Beziehung zu Robotern.“ Von wie vielen Japanern mit einer innigen Beziehung zu Robotern sprechen wir eigentlich?? 

Hier werden zwei Bilder (Japaner und Roboter) gnadenlos vermengt und wir werden wieder einmal dazu eingeladen, uns kopfschüttelnd über diese verrückten Japaner zu wundern. Diesbezüglich schon gut trainiert reagieren wir reflexartig.

Doch egal ob in positiver Absicht oder bewusst exotisierend, der Status quo der befremdlichen Beziehung zu Japan bleibt durch diese Art der Berichterstattung bestehen. Und vielleicht soll ein Land wie Japan diesem Bild des Andersartigen, Kuriosen und Fremden entsprechen. Was bliebe ansonsten übrig? Jede Menge, wie ich finde!

Was steckt hinter den Bildern?

Ich interessiere mich zwar für Bilder, aber noch mehr interessiere ich mich für das, was hinter diesen Bildern zu entdecken ist. Interessant wird es, wenn die Frage nach dem typisch Japanischen, typisch Deutschen an Bedeutung verliert. Wenn der Unterschied der Kulturen nicht mehr betont werden muss, sondern eine gleichwertige, menschliche Begegnung stattfindet. Das ist eine klare Sicht auf Asien, ein wirklich achtsamer Umgang!

Es ist es so erfrischend, so wohltuend, einen Film von Ang Lee zu sehen. Seinen Charakteren, von den Hauptdarstellern bis zu Statistenrollen, fehlt das üblich Schablonenhafte. Es herrscht eine Neutralität in seiner Darstellung, die ich mir hier gerne selbst zu eigen machen möchte.

Foto: eyetronic

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