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Hamburg, Heimat, Hypnose

Etwas verunsichert warte ich auf meinen Burger.

Ich kenne das System hier noch nicht richtig. Bezahlt habe ich ja schon, doch nun sitze ich in Reich- und vor allem Hörweite der Essensausgabe, um ja nichts zu verpassen.

Wir sind nicht in Tokio oder Seoul. Wir sind in Hamburg und ich bin ein Hamburger… und ja, ich esse jetzt auch einen. So, jetzt ist er raus, der Witz, bei dem sich schon so viele Asiaten schier weggeschmissen haben vor Lachen.

Mir ist aber gerade nicht zum Lachen, ich habe Hunger. Außerdem erwartet mich eine intensive Woche, auf die ich mich zwar freue, aber vor der ich auch ordentlich Respekt habe.

Ich lebe nun schon seit sieben Jahren in Heidelberg und viel zu selten war ich inzwischen in meiner Heimatstadt, in der ich geboren, aufgewachsen und meinen Uni-Abschluss erworben habe.

Was ist Heimat für dich?

Seit kurzem weiß ich, dass es hier kein wenn und aber gibt. Noch nie war die Frage nach der Heimat für mich so leicht zu beantworten wie jetzt. Kein zierliches Stimmlein, dass mir dies zuflüstern würde, kein vager Anflug von Vertrautheit. Nein, eher ein schreiendes JA direkt in die Fresse!

Hamburg ist Heimat! Für mich jedenfalls.

Gespeicherte Gefühle

Ich warte also auf meinen Burger.

Aber vor allem solle ich auf den Straßennamen warten, der meinem Menü zugeordnet sei, so sagte man mir.

Und da kommen sie auch schon, die Straßen. Laut werden sie ausgerufen: Grindelberg!!! Neuer Wall!!! Armgartstraße!!!

Ich hätte heulen können, jedes Mal, bei jeder Straße. Der berühmte Madeleine-Effekt!! Nur, dass  in meinem Fall kein französisches Gebäck tiefvergrabene Erinnerungen freisetzt wie bei Proust „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, sondern, ich muss zugeben ein bisschen weniger elegant, Straßen!!

Endlich kommt meine! Katharinenfleet, das bin ich! Ich fühle mich identifiziert mit meinem Essen, dem Ausblick auf die Alster und generell mit meiner Stadt. Ich bin ein Hamburger!

Ist es wirklich wahr, dass Heimat ein Gefühl und kein Ort ist? Ist es egal, wo man ist, Hauptsache man fühlt sich heimisch? Das muss ich denken, während ich durch die Straßen meiner Vergangenheit gehe. Vielmehr scheint die ganze Stadt durchzogen von Triggerpunkten und in jedem ist dieses Gefühl der Zugehörigkeit gespeichert.

Tief ins Unbewusste

Ich merke schon, in diesem Artikel komme ich aus den Doppeldeutigkeiten und Metaphern nicht mehr raus. Tut mir leid dafür! Sie warten einfach an jeder Ecke auf mich und solange ich nicht von den schrecklichen Doppelmetaphern verfolgt werde, wie der Hauptdarsteller aus Murakamis neuem Buch, ist es wohl auch ok.

Vorsicht, jetzt kommt wieder sowas! Anker gibt es nicht nur in Hamburg wohin man schaut, sie sind auch in der Hypnose wichtig.

Ich bin hier bei Karsten Küstner, um Gesprächshypnose zu lernen. Wir kennen uns schon seit Schulzeiten. Er selbst ist ein echter Japanexperte und überaus erfolgreicher Hypno-Coach. Deshalb freue ich mich sehr, mich mit ihm diesem spannenden Thema zu widmen.

Gleichzeit habe ich Respekt, denn eins ist klar: Es wird intensiv!

Karstens Seminar ist eine Reise. Wie zufällig steckt ein kleines, silbernes Flugzeug im Knopfloch seines Jackets. Er beginnt, eine Geschichte zu erzählen, darüber, wie es ist, im Flugzeug seinen Platz zu finden, umgeben von fremden Menschen, sich an neue Situationen zu gewöhnen, zu starten und zu landen, durch die Passkontrolle in eine vielleicht noch unbekannte Welt zu kommen.

Wir Kursteilnehmer sind von Anfang an hypnotisiert!

Doch die Reise ist nicht nur eine gute Metapher. Echte Lernprozesse sind wie Reisen tief körperliche Erfahrungen. Davon bin ich überzeugt!

Der Körper ist immer präsent. Er lernt im hier und jetzt. Er reagiert auf seine Umwelt viel umfangreicher und ganzheitlicher als der Verstand. Diese Wahrheit war bereits zentraler Bestandteil meiner Ausbildung zum Trainer für interkulturelle Kompetenz. Bevor der Kopf die neue Umwelt analysiert, reagiert der unbewusste, körperliche Teil in uns bereits auf tausend Reize.

Auch unsere hypnotische Lernreise spricht permanent das Unbewusste an und der Verstand hat zunächst keine Chance mitzukommen. Doch durch kluge Progressionen können die neuen Fähigkeiten Schritt für Schritt verankert werden. Es ist erstaunlich, wie viel bereits nach ein paar Tagen möglich ist.

Der sichere Heimathafen

Früher habe ich den Heimatstolz vieler Koreaner und Japaner nicht so recht verstanden. Im Gegenteil: Mich hat die Betonung des Eigenen regelmäßig genervt. In der ostasiatischen Kultur gibt es noch stärker als hier die Tendenz, sich über irgendeine Form von Zugehörigkeit zu definieren. Das eigene Land wäre dann der größte gemeinsame Nenner. Danach kommt die Stadt und die Gruppe. Der gesamte Schuljahrgang besteht aus Gleichaltrigen und ist ein festes Band, dass ein Leben lang Bedeutung hat.

Wahrscheinlich war meine Abneigung deshalb so stark, weil ich diese Identifikation mit der Heimat selbst nicht kannte. Ich hatte dem einfach nichts entgegenzusetzen, noch nicht mal einen Fußballverein, dem ich treu gewesen wäre.

Jetzt in Hamburg bin ich selbst überrascht über mein neu entdecktes Heimatgefühl und das ist natürlich ein äußerst schönes Gefühl. Mit diesem sicheren Heimathafen im Rücken, bekommt auch die Begegnung mit Ostasien einen viel besseren Ausgleich.

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