Lernen
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Fettnäpfchen? Tritt doch einfach mal rein!

Möchtest du gerne Tipps, um in Japan erfolgreich die schlimmsten Missgeschicke zu umschiffen? Ganz ehrlich: Ich weiß etwas Besseres!

Viele Teilnehmer meiner interkulturellen Trainings erwarten eine Art Gebrauchsanweisung: „Ich möchte wissen, wie ich in Japan Fettnäpfchen vermeiden kann.“, höre ich sehr oft. „Was darf ich machen, was nicht?“

Der Wunsch nach konkreten Verhaltensanweisungen ist groß, aber ich erfülle ihn in den meisten Fällen nur ungern. Nicht weil ich grundsätzlich gemein bin, sondern weil die Konzentration auf die „Dos and Don´ts“ Risiken birgt.

BLOSS KEIN FAUXPAS BEGEHEN!

Stell dir vor, du bekommst ein Geschenk von einem Japaner. Darfst du es vor seinen Augen öffnen? Oder geziemt es sich, das Geschenk dankend anzunehmen und es ungeöffnet beiseite zu legen? Vorsichtig! Jetzt bitte bloß keinen Fauxpas begehen!!

Die Reiseliteratur ist nicht umsonst voll von Ratgebern, die dir eine Art Universalschlüssel für den Umgang mit der Fremde versprechen. Die Titel dieser Bücher machen´s deutlich. Es gibt wortwörtlich „Gebrauchsanweisungen“, „Fettnäpfchenführer“ und „Kulturschock“-ler. Glücklicherweise verbergen sich hinter einigen dieser Bücher sehr gehaltvolle und unterhaltsame Werke.

Der Autor Andreas Neuenkirchen beispielsweise wählt einen Zugang zur japanischen Kultur, den ich mir häufiger wünschen würde. Seine „Gebrauchsanweisung für Japan“ ist eigentlich keine. Er scheut sich nämlich nicht, Kontroversen zuzulassen und überlässt es im Zweifelsfalle dem Leser, sich seine eigene Meinung zu bilden. Und genau so soll es sein!

Allgemeinaussagen über eine Kultur sind deshalb so problematisch, da sie den spontanen und vorurteilsfreien Zugang verbauen. Jede interkulturelle Begegnung ist ein Zusammenspiel wenigstens zweier Kulturen und individuell unterschiedlicher Hintergründe. Sie muss jedes Mal aufs Neue von allen Beteiligten ausgehandelt werden. Es gibt kein Standardverhalten!

Im schlimmsten Fall beurteilst (verurteilst) du eine Person oder Situation aufgrund deiner standardisierten Vorkenntnisse. Herr X kommt z.B. jeden Morgen zu spät und du führst dieses Verhalten auf ein typisches Verhalten der jeweiligen Kultur zurück. In Wirklichkeit liegt es aber nicht am Zeitverständnis von Herrn X, sondern an einer Baustelle. Vorsicht also vor Vorurteilen!

 

WIE KANNST DU KULTUR LERNEN? 

Bevor du dich in die Fremde aufmachst, können Informationen zum jeweiligen Land durchaus helfen. Keine Frage! Rezepthafte Verhaltensregeln gaukeln aber eine falsche Sicherheit vor und machen dich in Wirklichkeit starr. Interkulturelle Kompetenz ist aber ein Lernprozess, den du am besten vor Ort und in der Situation selbst vollziehst.

Ein wundervolles Beispiel für effektives Lernen hat der amerikanische Linguist Stephen Krashen gefunden. Stell dir das größte Einkaufszentrum vor, dass du kennst. Aufgrund deiner wiederholten Besuche, weißt du wahrscheinlich genau, wie du am besten dort hinkommst, wo du dein Lieblingshampoo kaufen kannst, wo die Toiletten sind, welcher Laden den besseren Service hat, welcher… kurz: Du kennst dich aus.

Das alles hast du nicht gelernt, indem du Pläne des Einkaufszentrums studiert hast. Es hätte dich vermutlich überfordert, alle notwendigen Schritte vorher auswendig zu lernen, immer in Sorge, vor Ort einen Fehler zu begehen. Nein, dein ganzer Körper war dabei, als du bewusst wie unbewusst gelernt hast.

Gelebtes Lernen in der lebendigen Situation macht dich Handlungsfähig. Genau darum dreht sich das interkulturelle Training. Es bereitet dich auf deine Lernprozesse im Land vor. Unabhängig von einem gezielten Training kannst du aber folgendes tun: Versuche gar nicht alle Fettnäpfchen zu vermeiden. Lerne im Gegenteil, mit ihnen situationsgerecht umzugehen und umarme den Lernprozess. Faktenwissen kann nützlich sein, aber kralle dich nicht an ihm fest. Deine Erfahrung soll der Maßstab sein.

Und wie war das nun mit dem Geschenk des Japaners? Darf ich es nun öffnen oder nicht?

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