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Die Macht des Mangas

Falls du dich je gefragt haben solltest, wer den modernen Buchdruck erfunden hat, es war nicht Johannes Gutenberg! Zu dieser Erkenntnis musste ich während meines Koreanistikstudiums kommen. Ich habe nie danach gefragt und dennoch eine Antwort bekommen. Einige Koreaner, mit denen ich Sprachaustausch machte, belehrten mich gerne, dass in Korea bereits 1377, also fast acht Jahrzehnte vor Gutenberg, eine vergleichbare Druckkunst entstand. Dieser Vorsprung schien von Bedeutung zu sein.

Vielleicht kennst du das auch. Im Umgang mit einer anderen Kultur spielen Selbstverständlichkeiten plötzlich keine Rolle mehr. Zumindest ist nicht immer klar, was selbstverständlich ist. Das kann man doof finden oder faszinierend. Neutral betrachtet ist es einfach eine Frage der Perspektive. Die unterschiedliche Wahrnehmung von Normalität ist auch nicht das eigentliche Problem. Es gibt etwas Anderes, etwas, das uns auf viel tieferer Ebene berührt und unsere persönlichen Grenzen in interkulturellen Begegnungen setzt: Das Gefühl von Identität. Und das hat erstaunlich viel mit Mangas zu tun.

DAS PROBLEM MIT DEN JAPANISCHEN MANGA-COMICS

Als ich das erste Mal in den 1990ern mit Mangas in Berührung kam, war ich bereits ein eingefleischter Ostasienfan und dementsprechend vorgeprägt. Um die neusten Jacky Chan- und Jet Li-Filme zu sehen, gab es in Hamburg nur eine ernstzunehmende Möglichkeit: Venal Virulent! Dieser Laden war eine dunkle, etwas versteckt liegende Oase für Freaks. Die Videothek bot ausschließlich englischsprachige Importware an und die Auswahl an Filmgenres war begrenzt auf Horror, Porno und fernöstlicher Action. Hier traf sich ein sehr spezielles Klientel. Fachleute für blutige Szenen, die ausdauernd über ebensolche debattieren konnten und wollten. Wenn ich diese verruchte Welt betrat, um nach den neuesten Schätzen des Hongkongfilms (zunächst auf VHS, später erst auf DVD) zu suchen, hatte ich jedes Mal ein flaues Gefühl im Magen. Etwas halblegales umgab diesen Ort, spannend und bedrohlich zugleich.

Es ist kein Zufall, dass ich hier auf die ersten Zeichentrickfilme aus Japan traf. Sie passten einfach zum Geschmack der Videothek. Gleichzeitig tauchten die ersten Mangas in deutscher Übersetzung auf. Das war lange vor dem Boom. Sie galten als Geheimtipp. Akira, Appleseed, Crying Freeman… Ich muss zugeben, dass mir der Zugang nicht immer leicht viel, aber dieses Gefühl kannte ich ja bereits von den kantonesischen Kampfkunstfilmen, deren doppelte Untertitel (Chinesisch und Englisch) kaum zu entziffern waren. Ich musste nicht alles verstehen, um als Asienfan auf meine Kosten zu kommen. Auch Befremdliches gehörte einfach zum Gesamterlebnis dazu.

Die Wahrnehmung von Mangas in der deutschen Presse war nicht immer so großzügig. Comics hatten es in Deutschland noch nie leicht, als anspruchsvolles Medium anerkannt zu werden. Bei Mangas schienen Kinderkram, Gewalt und Sex eine perverse Mischung einzugehen. Das musste man erstmal verdauen! Erklärungsversuche, die hier einen Ausbruch der ansonsten durch Disziplin gefesselten japanischen Seele sahen, unterstützen die Exklusivität japanischer Comics.

Vielleicht lag es an der Auswahl der Mangas und Animes, die zunächst nach Deutschland kamen, vielleicht lag es an deren Rezeption und Berichterstattung in deutschen Medien, das etwas schräge Bild eines japanischen Kulturgutes war wieder einmal perfekt. Wahrscheinlich half die Kritik sogar. All diejenigen, die nach dem etwas speziellen Comic-Erlebnis suchten, wurden in der Kategorie „Manga“ fündig. Ich wurde es auf jeden Fall.

クールジャパン

Perspektivwechsel! Vor dem Boom waren Mangas etwas Besonderes, der Boom hält an und sie sind immer noch etwas Besonderes. Inzwischen haben das auch offizielle Stellen auf japanischer Seite erkannt. Die Bildergeschichten aus Japan sind nun selbst zum Vorzeigebild Japans geworden, ein bewusst konstruiertes Image unter dem Slogan „Cool Japan“. Die Werbekampagne hat sogar ein Logo, welches sich perfekt zum Abziehbild eignet: Ein roter Button, einfach auf das gewünschte Kulturprodukt geklebt und schon ist es etwas Cooles aus Japan. Mangas wurden bereits so damit zugekleistert, dass man schon fast nicht mehr erkennen kann, was sich alles darunter verbirgt.

Es ist natürlich nur konsequent, wenn Mangas als Imageprodukt vermarktet werden, sie sind Exportschlager und, anders als in meinen jungen Jahren, sind sie wahrscheinlich das Medium Nr. 1 für angehende Japankenner. Auch wenn das nicht jeden Japanologieprofessor freuen mag, so kann ich die Begeisterung der Mangafans grundsätzlich verstehen. Es gibt nur ein Problem: Das, was „Cool Japan“ verkaufen will, gibt es in Japan nicht.

JAPANER SIND KEINE MANGAFANS

Ich glaube, es ist ein großes Missverständnis anzunehmen, dass die Mangakultur in Deutschland repräsentativ für die japanische wäre. Ja, es gibt sie, die Otakus. Die Hardcorefans, die für und vielleicht auch in ihren Lieblingscomics leben. Es gibt viele von ihnen in Japan. Anders als in Deutschland steht ihnen aber eine überwältigende Anzahl von Konsumenten gegenüber, für die Comics schlicht und einfach eine normale Form der Unterhaltung sind. Die meisten Japaner sind keine ausgesprochenen Fans, für sie sind Mangas Alltag. Aber ein Otaku zu sein, ist nicht gerade positiv, geschweige denn cool. Es kann durchaus einem „Coming Out“ gleichkommen, wenn sich ein Otaku als solcher zu erkennen gibt.

Haben deutsche Mangafans, die Akteure der „Cool Japan“-Kampagne und der Großteil der japanischen Bevölkerung also wirklich das gleiche Bild im Kopf, wenn sie über Mangas sprechen? Wieviel von dem Bild ist lediglich konstruiert, um Identität zu stiften? Naja, ich denke, es gibt bestimmt viele Überschneidungen. Aber da jeder aus seiner Perspektive auf das Thema schaut, gibt es außerdem einen riesigen Spielraum, unterschiedliche Realitäten neu kennenzulernen.

 

ICH MAG KEINE MANGAS, ES GIBT MANGAS, DIE ICH MAG.

Ein Stereotyp ist im ursprünglichen Sinne nichts anderes als eine Drucktechnik. Gegossene, feststehende Typen, mit denen identische Kopien in beliebiger Anzahl hergestellt werden konnten, wurden so bezeichnet. Der US-Journalist Walter Lippmann übernahm den Begriff, um die fixen Bilder in unserem Kopf zu bezeichnen, die alle Mitglieder einer Gruppe mit denselben Eigenschaften in Verbindung bringen.  Das Gleiche wird immer und immer wieder repetiert. Doch immer dann, wenn sich ein Stereotyp zu verhärten droht, wenn es kurz davor steht, zum Vorurteil zu werden, tut es gut, die Wahrnehmung zu weiten.

Ich habe neulich Inio Asano für mich entdeckt. Er hat mir geholfen, meine Sicht auf Mangas, meine Sicht auf Japan erneut zu weiten. Auf ihn gekommen bin ich durch einen anderen Künstler, der für mich schon seit etlichen Jahren der Goldstandard der japanischen Comicszene ist: Naoki Urasawa

Urasawa ist in Japan der Inbegriff des kreativen, intellektuellen Manga-Genies. Ein Vorzeigekünstler, dessen Arbeiten so gar nicht ins Schema von Cool-Japan passen, aber mit einer eigenen Sendung auf NHK. Ich fand „Urasawa Naoki no Manben“ auf YouTube und zufälligerweise besuchte er in dieser Folge Inio Asano, um ihm bei seiner Arbeit über die Schulter zu gucken. Ich liebe diese Einblicke. So richtig würdigen kann man Comics erst, wenn man gesehen hat, mit welcher Kunstfertigkeit und Geduld sie entstanden sind. Seitdem stolpere ich ständig über Asano.

Neulich in der Stadtbücherei fällt mir sein Manga Solanin in die Hände und ich beginne sofort zu lesen. Sobald ich lese, vergesse ich die sorgsam gesetzten Striche, die ich auf YouTube noch so bewundert habe. Ich bin in der Geschichte und sie ist witzig, traurig, überraschend und tief … und japanisch. Jugendliche auf der Schwelle zum Erwachsen werden, mit dieser Thematik können sich wohl viele identifizieren. Doch über die Universalität der Handlung hinaus sind es diese japanischen Charaktere, ist es diese japanische Atmosphäre, zu der ich durch Asano einen Zugang bekomme. Ich fühle mich den Menschen und ihren Geschichten nahe.

 

VIELFALT GEWINNT

Inzwischen weiß ich, wie bedeutend Inio Asano bereits in Japan ist. In einer Welt, in der Comics normal sind. Kunst und Unterhaltung vermischen sich hier und das nicht erst seit gestern. Ja, in der Manga-Welt Japans wird für die Masse produziert. Bilder werden massenhaft gedruckt und vervielfältigt, aber durch die Vielfältigkeit der Genres und Inhalte, durch Ausnahmetalente wie Urasawa, Inoue, Igarashi und eben Asano, werden festgefrorene Stereotype gesprengt. Allein sich für diese Vielfalt zu öffnen, ist entscheidend.

Ähnlich war es bereits zu Zeiten von Hokusai (1760-1849), der als einer der berühmtesten Holzschnittkünstler Japans das Wort „Manga“ (zwangloses/ungezügeltes Bild) prägte. Durch Drucktechnik konnten Bilder kostengünstig verbreitet werden und sie hingen wie die heutigen Poster an den Wänden. So kommerziell war Kunst damals. Auch gedruckte Bildergeschichten gab es. Das erklärt vielleicht die Normalität von Comics im heutigen Japan, aber vor allem zeigt es, dass es sich auch heute lohnt, genauer hinzuschauen. Es gibt immer noch Meisterwerke zu entdecken.

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