Achtsamkeit, Kultur
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Der Weg zur Sonnengöttin

Die Probleme fingen schon viele Monate vor unserer Reise nach Japan an.

Es war, als wir in Deutschland die Reise in der Reise planen wollten. Ich musste schließlich zugeben, dass meine Vorstellung, in Japan einfach spontan hier- und dorthin zu fahren, unrealistisch war. Nicht in der Neujahrszeit und auch nicht zu den Orten, zu denen wir wollten.

Ich mag das Gefühl eigentlich nicht, jeden Schritt im Voraus festlegen zu müssen. Wer richtet sich bei der Reise nun an wen? Bin ich immer noch das handelnde Subjekt oder muss ich mich dem Plan unterwerfen?

Ok, ich muss mich dem Plan unterwerfen!

Ohne gezieltes Zeitmanagement kommt man z.B. niemals nach Shirakawago. Tief in den verschneiten Bergen gelegen, erreicht man diesen Ort nur mit dem Bus. Japaner (und, wie sich herausstellte, massenhaft chinesische Touristen) reservieren sich die Bustickets schon laaange Zeit vorher. Bei den anderen Reisezielen sah es auch nicht besser aus und die Hotels waren im Nu vergeben. Wenn also alle Japaner ihre Reise minutiös planen, wo bleibt dann der Spielraum für trotzige Einzelaktionen?

 

Es gibt manchmal diese Momente im Umgang mit Japanern, in denen ich neue Seiten an mir entdecke. Dann fühle ich mich z.B. dem Zeitgefühl der Südländer sehr verbunden. Ausgerechnet ich, das norddeutsche Küstenkind, möchte den Japanern mit vor Leidenschaft bebender Stimme vorwerfen:

„Ihr mögt ja die Uhr beherrschen, doch mir gehört die Zeit, mir gehört die Freiheit!!“ Und ein duldsames Lächeln wird mir begegnen, während mein Gefühlsausbruch im Nichts verhallt.

 

ISE JINGU: DER SCHREIN DER SONNENGÖTTIN

Bevor wir aber zum verschneiten Bergdorf mit den Giebeldächern kamen, verbrachten wir zwei Tage in Ise. Sehr empfehlenswert! Ise gehört zu diesen kleinen Städten, die auf den ersten Blick nicht viel hermachen und dann kulturell explodieren. Nara hatte auf mich einen ähnlichen Effekt. Am Bahnhof angekommen, wirkte die Umgebung zunächst kleinstädtisch und verschlafen. Die Gebäude sahen etwas heruntergekommen aus, fast ein wenig trist.

All die Merkmale, an denen man für gewöhnlich die Stadt von Welt erkennt, fehlten. Oisemairi Café Sando Terrace, ein elegantes, stylisches Café direkt am Ise-Bahnhof, erschien da schon fast wie eine Fata Morgana in der Einöde. Nur zu gerne flüchteten wir in diese Oase. Erschöpft von der Reise und eingeschüchtert vom Geplärre einer rechtsradikalen Truppe, die durch die Straßen patrouillierte, brauchten wir etwas Schönes.

Nichts, aber auch gar nichts, deutete daraufhin, wie nahe wir DER heiligen Stätte des Shintoismus waren.

Die Legende besagt, dass die Japaner von den Göttern abstammen. Aber nicht nur die, alle Lebewesen, jeder Baum und jeder Stein enthält das Göttliche. Allein in einem Reiskorn sind sieben Götter und angesichts dessen tut man gut daran, auch das letzte aus seiner Schale zu picken. Wer den Shintoismus kennenlernt, hat es leichter, japanische Verhaltensweisen und Wertvorstellungen zu verstehen.

Ich muss aber gestehen, dass ich mich bei shintoistischen Ritualen immer etwas unwohl gefühlt habe. Obwohl mir die Religion grundsätzlich sympathisch war, so hatte ich immer Schwierigkeiten, einen Zugang zu bekommen. Es gibt so wenig, woran man sich festhalten kann. Im Gegensatz zu anderen Religionen gibt es keine heilige Schrift und keinen gemeinschaftlichen Gottesdienst. Gleichzeitig gehört das korrekte Einhalten festgelegter Verhaltensweisen zum Kern der Religion. Theoretisch gibt es bei einem Schreinbesuch also einiges zu beachten. Praktisch kennen auch Japaner nicht alle Regeln.

Der Ise-Schrein ist besonders kompliziert. Schließlich ist hier die Hauptgöttin Japans, die Sonnengöttin Amaterasu-ōmikami beheimatet. Um zu ihr zu gelangen, kann man nicht einfach so mit der Tür ins Haus fallen. Dafür musst du dich schon „anmelden“.

Und das geht so:

 

DER WEG ZUR GÖTTIN

Es fängt damit an, dass es zwei voneinander getrennt liegende Schreinanlagen gibt.

Um zum innersten Heiligtum (Naikū, 内宮) zu gelangen, hast du zunächst den Äußeren Schrein aufzusuchen, den Geku (外宮). Hier musst du zum Schrein der Gottheit Toyouke gelangen und im Geiste deinen Namen und Adresse aufsagen. Damit weiß die Sonnengöttin Amaterasu von deinem Kommen.

Doch nicht so schnell! Auf dem weitläufigen Parkgelände verlaufen breite Hauptwege und verschlungene Pfade. Es gibt kleinere Nebenschreine und eben den Haupt-Kami Toyouke UND eine richtige Reihenfolge. Wer sich hier nicht auskennt, läuft im schlimmsten Fall zum falschen Gott, auf dem falschen Weg, zum falschen Zeitpunkt. Macht das was?

Eigentlich nicht. Es würde wahrscheinlich niemanden auffallen, am wenigsten dir selbst.

Die grundsätzlichen Verhaltensweisen lassen sich eh gut nachahmen. Die Reinigung der Hände und des Mundes als erste Handlung überhaupt, die Verbeugung vor den Tooris, die eigentlich bei jedem Shinto-Schrein dazugehört, aber oft mißachtet wird, und natürlich die Kombination aus Klatschen und Verbeugen direkt vor dem Schrein, das alles wird dir vorgelebt. Du kannst es einfach kopieren und vollkommen unbeschadet aus der Sache herauskommen. Doch ist das wirklich alles?

Immer wenn ich nur mitgelaufen bin, wenn ich das gemacht habe, was alle tun, fühlte es sich einfach nicht authentisch, ja, sogar sinnentleert an. Ich begann, auch die Japaner dieser Sinnentleertheit zu beschuldigen. Haben die denn eigentlich eine Ahnung, was sie da machen? Folgen sie nicht einfach nur blöde den Ritualen, ohne sich mal selbst Gedanken darüber zu machen, wozu?

Es kann durchaus sein, dass Japaner tatsächlich unreflektiert in der Schlange stehen und warten, bis sie an der Reihe sind, nur um ein paar Mal zu klatschen und sich zu verbeugen. Sie haken die Sache ab. Warum? Weil alle es so machen! Das kann man durchaus kritisieren.

Ich habe es aber diesmal anders gemacht. Ich habe mich darauf eingelassen und versucht, nicht zu werten. Ich habe mich auf mein Gefühl konzentriert, ohne den Verstand zu benutzten und festgestellt: Es macht wirklich keinen Sinn! Aber das ist der Punkt! Es gibt keine Logik, die auf die Warum-Frage eine zufriedenstellende Antwort gibt. Es ist vielmehr dieser Selbstzweck des Rituals, durch den die bestehende, höhere Ordnung bestätigt wird.

Vor allem beim Ise-Jingu wurde mir das deutlich. Die beiden Hauptschreine wirkten auf mich wie die edlen Behausungen berühmter Persönlichkeiten, unnahbar und gerade deshalb von einer sagenumwobenen Aura umgeben. Alleine die Vorstellung, dass hier jemand von großer Wichtigkeit wohnt, verstärkte das Gefühl von Transzendenz. Du kommst hier gerade mal bis an die Pforte des Vorgartens. Du siehst da hinten das Haus (den Schrein) des Kamis, doch in die Nähe kommen kannst du nicht. Befindet sich wirklich etwas da drin? Das ist nicht wichtig, denn es ist dieses sinnentleerte Nichts, das eine Kraft hat.

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