Interkultur
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Der fremde, ferne Osten

Ich erlebe es an mir selbst und beobachte es bei anderen. Bei der Begegnung mit einer ungewohnten Kultur fallen mir zuerst die Unterschiede auf.

Diese Unterschiede warten ja auch förmlich an jeder Ecke auf mich: Im koreanischen Studentenwohnheim, in dem es eine Sperrstunde gibt (nach zehn kein Einlass mehr, es sein denn, man bettelt den dienstführenden Aufseher an), an der japanischen Supermarktkasse, an der meine Produkte sorgsam für mich eingepackt werden, oder an der koreanischen Ampel, die, einmal auf rot gesprungen, mir kaum Zeit lässt, das rettende Bürgersteigufer zu erreichen.

UNTERSCHIEDE FASZINIEREN

Die Eindrücke, die so neu und ungewohnt sind, erfrischen den Geist. Selbst die schockierenden Entdeckungen machen Spass, zumindest bis zu einem bestimmten Grad. Ich sauge sie auf wie ein Schwamm und genieße es, mich mit Gleichgesinnten darüber auszutauschen. Tatsächlich sind die Unterschiede der Kulturen eines der beliebtesten Themen im Sprachunterricht. Jeder hat was zu erzählen, jeder fühlt sich betroffen .

Ja, ich glaube, diese neuen Eindrücke sind die Gewürze des interkulturellen Zusammentreffens. Sie intensivieren die Erlebnisse und lassen uns staunen. Also… warum nicht einfach noch ein Buch darüber schreiben und der Welt (also der eigenen Kultur) mitteilen, wie unglaublich anders hier alles ist?

Immer wieder treffe ich welche, die sich in so einem Rausch der Entdeckungen befinden. Euphorisch sammeln sie das Fremde, sei es auch noch so banal. Wie z.B. unterschiedliche Ladenöffnungszeiten. Der Gedanke an ein Buch liegt dann gar nicht mehr so fern. Tatsächlich hatte genau dies ein Japaner vor, mit dem ich mich vor einiger Zeit unterhielt.

Aber neu ist diese Idee nun wirklich nicht. Genau genommen entstand das erste Buch dieser Art bereits 1585.

UNTERSCHIEDE SIND NICHT ALLES

Der portugiesische Jesuit Luis Frois verfasste einen Reisebericht über Japan, der ausschließlich auf der Darstellung von Unterschieden beruhte. Systematisch stellte er 609 Gegensatzpaare auf. Beispielsweise: „Unsere Tische stehen schon da, bevor das Essen aufgetragen wird; ihre kommen zusammen mit dem Essen aus der Küche.“

Problematisch wird es immer dann für mich, wenn der Fokus zu stark auf Unterschiede gelegt wird. Wie in dem Reisebericht von Luis Frois werden diese viel zu oft willkürlich ausgesucht, um Gegensätze zu konstruieren. Das dient vor allem der Unterhaltung und der Klischeebildung.

Man bedenke, welchen Einfluss das besagte Buch von Luis Frois seiner Zeit auf die Wahrnehmung Japans hatte. Über Jahrhunderte wurde das Bild der absoluten Gegensätzlichkeit vermittelt und genährt. Die Japaner als die sprichwörtlichen Antipoden der Europäer. Wir nähren dieses Bild noch heute.

Unterschiede liegen im Auge des Betrachters. Wenn wir sie immer und immer wieder betonen erreichen wir vor allem eins: Trennung.

Die Welt wächst zusammen. Die Frage ist also: Wie können vermeintliche Unterschiede integriert werden?

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